von Wembley nach Liverpool

 Wer kann sich noch an den 13. Juli 1985 erinnern?

Der Tag an dem das größte Live-Event der damaligen Zeit stattfand. Am 13. Juli 1985 traten parallel im Londoner Wembleystadion und im JFK Stadium in Philadelphia organisiert von Bob Geldof und Midge Ure die Größen der damaligen Zeit zur Unterstützung der Afrika Hungerhilfe mit ihren Hits auf. Alle? nicht alle - die damaligen Superstars Michael Jackson, Prince und Bruce Springsteen hatten wohl was besseres vor an diesem Tag.

An diesem Tag im Sommer 1985 befand ich mich auf großer Reise.

Nachdem ich keckerweise mir von meinem Vater in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1984 die Erlaubnis geben ließ, das erste mal den Familiensommerurlaub des nächsten Jahres zu schwänzen und statt dessen mit Rucksack und Interrailticket ausgerüstet, einen Monat free as a bird in Europa herumzuziehen. 1984 schon allein wegen George Orwells Buch ein spannendes Jahr, aber Orwells prophetisches Talent war, wie man sehen konnte nicht stark ausgeprägt. Zumindest das Jahr hatte er nicht erraten. Natürlich wurde mir das Abenteuer nur unter der Bedingung, dass ich mir diesen Trip selbst finanzieren musste, genehmigt.

Ein knalloranger Tramperrucksack wurde angeschafft und es konnte in einer Reisegruppe zu dritt losgehen, die sich später auf eine Zweiergruppe reduzierte.

Jetzt ehrlich, wer erinnert sich noch an den ersten Teil meines Blogs?

Natürlich fiel der Abreisetag für mein Interrailabenteuer exakt auf den Termin des Deep Purple Konzerts, das ich angesprochen hatte, auf das ich verzichtete um diesen Verzicht neununddreißig Jahre später nachzuholen.

Wie es der Zufall will, saß ich exakt an diesem 13. Juli 1985 zur Zeit als das Wembley Konzert schon in vollem Gange war in einem British Rail Intercity125 von London Liverpool Street nach Liverpool Lime Street via Watford, Rugby, Runcorn. Der Authenzität wegen bitte sich die "u" in Rugby und Runcorn als langgezogenen "U"-Laut phonetisch vorstellen. Der Conductor klang etwa so "Ladys and Gentleman - our Intercity125 from London Liverpüh Street to Liverpüh Lime Street Station via Watford, Ruuuugby, Ruuuuncorn is just expected to leave with a possible delay of approximatly fourtytwoandahalf seconds. British Rail apologies for this delay and hopes that you have a pleasent journey to your destination". Wahrlich unglaublich, was British Rail damals schon als Verspätung ansah.

Wie es die Route via Watford so will passierte der Zug natürlich das hell erleuchtete Wembleystadion, dem ich sicher aufgrund des tollen Ereignisses dort mehr Aufmerksam geschenkt hätte, wenn ich gewusst hätte, was dort zu dieser Zeit stattgefunden hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war es mir wichtig, sicherzustellen meinen Bekannten in Liverpool zu treffen, den ich im März bei einem Europacupauftritt von FK Austria Memphis gegen den FC Liverpool in Wien kennenlernte, sicherzustellen. Kevin war ein echter Scouser, und ich ein unerfahrener Siebzehnjähriger, der aufgrund diverser Bierinfusionen in der Gösser Bierklinik im ersten Wiener Bezirk, welche mir Kevin verschaffte, die erste Spielhälfte aus meinem Bewusstsein löschte. Kurzum Kevin war ein echter Scouser.

Leute in einer fremden Stadt wie Liverpool zu treffen, war aufgrund der damaligen Kommunikationsmöglichkeiten nicht ganz einfach. Man musste sich Treffen ohne Unterstützung von Whats App und Mobiltelefonen an einem Ort den man nicht kannte ausmachen. Der Zug kam in Liverpool mit einer für British Rail unfassbaren Verspätung von zwei Minuten an und ich schaffte es auch meinen menschlichen Ankerpunkt in Liverpool ausfindig zu machen.

Was blieb in meinem Gedächtnis von den nächsten Stunden hängen?

Erstens: nichts geht ohne vorher im Pub gewesen zu sein und seine Initialdosis Ale zu verinnerlichen

Zweitens: Es war Samstag und wie ich von Kevin erfuhr, war Live Aid in London und in Liverpool veranstalteten eine Menge dort lebender Scouser Viewing Parties.

Drittens: Dass ich natürlich mit Kevin zu so einer Party gehen musste und dort in Liverpool als Österreicher Exote der allerersten Klasse war.

Viertens: ich hatte die Bierquelle gefunden - in der Garage des Partylocationbesitzers stapelten sich Fässer voll von selbstgebrautem Ale. Hektoliterweise.

Fünftens: Kontaktaufnahmen durch die lokale Scouserbevölkerung mit Annäherungsfragen wie "How lond do you have to travel through Russia to get from here to your place on the continent?" - Geographie war nicht deren Stärke. So war meine Antwort "If you go the wrong way round then through whole Russia"

So empfand ich es als meine Pflicht, die ansässigen Liverpooler über alles aufzuklären, was es über Österreich zu wissen gibt. Natürlich auch mitten in ein Riesenfettnäpfchen tretend.

Ich schwärmte von der Qualität und Güte österreichischen Weins. Zu meiner Entschuldigung ich kam von einer bis dahin dreiwöchigen Reise durch Deutschland, Schweiz, Frankreich, Spanien, Portugal, Frankreich, England zu dieser Party mit den Kommunikationsmitteln des Jahres 1985 ausgestattet. Also einzig der Möglichkeit Ansichtskarten zu versenden, da Telefonate über diese Strecken nach Hause viel zu teuer gewesen wären.

Das heisst belangvolle Ereignisse wie Live Aid und auch den damals weltweit in allen Nachrichten besprochenen Österreichischen Weinskandal, bei dem Weinbauern Diäthylenglycol in ihre Traubensäfte panschten, um diese günstig süsser zu machen, gingen an mir spurlos vorüber. An den Partybesuchern wohl nicht. Dementsprechend gab es auch deren Antworten auf meine Lobeshymne auf Wein.

Nichtsdestotrotz ein toller Aufenthalt dort und den Geschmack britischen Biers kennengelernt. Und - am grössten Live Konzert der Welt, als dieses lief mit dem Zug vorbeigefahren. Wenn ich das gewusst hätte

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