Generation X meets Generation Spotify
Heute zwischen sechs und sieben Uhr morgens. Ich sitz im Zug am Weg zur Arbeit und blättere in meiner Tageszeitung. Da fällt mir eine kurze Rezension einer musikalischen Neuerscheinung auf. Ich gestehe, dass der Name Beadadoobee bei mir keine Glocke läuten lässt, wie es der Brite ausdrücken würde, aber die Albumkritik klingt interessant. Sanfte Stimme gemischt mit Grunge. Also aktiviere ich rasch meine In Ear Kopfhörer, öffne die Musikplattform mit grünem Logo und nur Sekunden später tauche ich in die Musikwelt 2024 ein und lausche den als vielversprechend angekündigten Tönen.
Man muss sich anstrengen, um heutzutage Musik zu finden, die nicht über Mobiltelefon, Tablet oder Notebook prompt in bester Qualität gestreamt werden kann. Ein Wunderland für Musikliebhaber?
Lasst mich in den Sommer 1982 zurückgehen.
Die Klassenabschlussreise nach London, der vierten Klasse der Hauptschule Mödling hatte sich realisiert. Diese traditionelle Schulveranstaltung wurde schon zu Beginn der ersten Klasse angekündigt, auch um die Eltern der Schüler auf die erheblichen Kosten dieser Fahrt vorzubereiten. Um diese Kostenhürde ein wenig zu reduzieren, wurde schon ab der ersten Klasse wöchentlich von jedem Schüler ein kleiner Betrag auf das Klassensparbuch eingezahlt, dass sich dann nach Ablauf der vier Jahre eine schöne Summe auf dem Sparbuch befand, die wieder von den Reisekosten abgezogen wurde. Die Abfahrt vom Wiener Westbahnhof mit dem Oostende Express transeuropa zur belgischen Kanalküste und dann die Überquerung des Ärmelkanals mittels Fährschiff nach Dover zu den berühmten weissen Klippen. Mit dem Zug ging es weiter nach London, wo die mitreisenden Schüler paarweise auf Gastfamilien aufgeteilt wurden. Ich landete auf diese Art bei einem Ehepaar bei dem der Ehemann Taxifahrer eines klassischen Black Cab für den Lebensunterhalt war. Soviel als Einleitung,
Sprung zurück zum Thema.
Betreffend Verfügbarkeit war Musik damals eine Welt, die exakt das Gegenteil der heutigen Streamingwelt darstellte. Musik konnte ohne Einfluss mittels Radio genossen werden, oder mittels Tonträger wie Schallplatten oder Musikkassetten. Schallplatten waren aber nicht, wie wir es aus der heutigen Streamingwelt gewöhnt sind in unbeschränkter Anzahl überall erhältlich sondern war man in erster Linie davon abhängig, was Schallplattengeschäfte bereit waren auf Lager zu halten. War eine Schallplatte ausverkauft, konnte man vielleicht den Schallplattenladen seiner Wahl noch überzeugen, noch ein Exemplar nachzubestellen, was mit Wartezeit verbunden war. Das konnte dauern - eine Woche Minimum, zwei Wochen, drei Wochen. Natürlich hatte man auch die Möglichkeit das gewünschte Vinyl in einem anderen Laden zu erstehen. Das galt für Neuerscheinungen. Schallplatten älteren Datums hatten sehr hohe Wahrscheinlichkeit, den Weg via Bestellung gehen zu müssen.
Zusätzlich stand man noch vor der Tatsache, dass Schallplatten nur regional erhältlich waren, was die Suche nach bestimmten Titeln nicht einfacher machte.
Zurück zur Klassenfahrt nach London. London das El Dorado der Schallplattensammler. Hier fand man alle Titel vorrätig, die man sich nur erträumen könnte. Mit vor Staunen geöffnetem Mund schwebte ich durch die Regalwände des Virgin Megastores in der Oxford Street. Am liebsten hätte ich ja alles mitgenommen, was mein sehr begrenzte Budget aber nicht erlaubte.
Letztendlich erstand ich zwei Alben, von denen eines zu Hause in Österreich komplett unbekannt war und das andere einfach nur nicht verfügbar.
In meinem Koffer fanden das Live Doppelalbum "The Name of the Band is Talking Heads" der Talking Heads und das Album "Combat Rock" von The Clash platz. Gut zwischen T-Shirts und Hemden verpackt, um ihren Transport nach Österreich sicher zu gewährleisten.
Was will ich damit sagen. Wie ihr in meinem Blog vielleicht mit vielen Worten schon lesen konntet. Ich verbinde mit jedem meiner hunderten Alben die ich im Laufe der Zeit erstanden habe eine Geschichte und Emotionen. Die Schallplatte aufzulegen und anzuhören ist damit deutlich mehr als nur Musik zu konsumieren. Es ist, diese Emotionen und Vibes nochmals erleben zu dürfen. Das Herausfinden, dass es ein Album gibt, das Aufspüren einer Bezugsquelle, die Jagd nach dem guten Stück und zu guter letzt das zufriedene immer wieder anhören können und an all dies erinnert zu werden, das ist, was Musik für mich besonders machte.
Ich mag jetzt den heutigen Medien gegenüber unfair sein, wenn ich behaupte, dass Konsumation von Musik jederzeit, überall und alles was derzeit verfügbar ist; das ganze noch zum monatlichen Abopreis von nicht einmal 10 Euro und das in immer besser werdender Qualität für mich nicht das gleiche intensive Erlebnis darstellt, wie es damals in den Achtzigern des letzten Jahrtausends war. Ich war damals auch bereit ein wenig Krachen, Rauschen und Grammeln in Kauf zu nehmen - auch wenn ein tiefer Kratzer im Vinyl natürlich in der Seele wehtat.
Kurzum mein menschliches Verhalten des Jägers und Sammlers wurde erfüllt
Somit zum Titel dieses Teils - wurde die heutige Generation genau um dies durch technische Möglichkeiten beraubt? Diese Frage könnt ihr euch selbst beantworten - oder eventuell mir auch hier im Blog.
Mit dieser für mich schlüssigen Erklärung sind der momentan fast wieder auferstandene Hype nach Vinyscheiben oder sogar Musikkassetten erklärbar.
Die Verfügbarkeit ist stark eingeschränkt - der Jäger und Sammler wieder aktiviert
Vielleicht ist auch dies der Grund, warum im Moment zu jedem Album diverse limited editions von Altmedien in unterschiedlichen Farben erscheinen.
Produzenten wollen den alten Jäger und Sammler wieder aufwecken und damit auch wieder emotionelle Bindung zu den Produkten schaffen und uns unseren Sammeltrieb kostspielig ausleben zu lassen.
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