9. Dezember

 Wie jeden Wochentag klingelte mein mechanischer Schepperwecker um Punkt sechs Uhr dreißig. Zumindest zu einer Zeit, die wir damals pünktlich genannt haben und die im Vergleich zur heutigen Zeitanzeige von Mobiltelefonen total unpünktlich war. Zwei Minuten früher oder später, spielte keine Rolle, da man gewöhnt war, sich überall ein wenig Pufferzeit einzubauen.

Ich war gerade zwölf Jahre und ein paar Monate alt und hatte gerade ein verlängertes Wochenende hinter mir.

Mein Bruder war zu dieser Zeit normalerweise schon wach, und ab dem Moment, an dem ich die Augen aufschlug, wurde auch schon das Radio auf Ö3 aktiviert, um dem Ö3 Wecker zu lauschen. War das damals der einzige Sender, der meines Bruders und meinem Musikgeschmack entsprechende Musik spielte, zwischendurch ein paar Features, ich liebte ein Feature mit dem Titel "Dschi Dschei Wischer", das die täglichen Erlebnisse von Dschi Dschei Wischer junior, einem nagetierartigen Humanoiden mit 3 Gebissreihen und glucksender Stimme, geschrieben von Christine Nöstlinger darbrachte. Dann gab es noch Moderatorenstories zwischendurch und natürlich zu jeder volle Stunde die Nachrichten, die mich normalerweise am wenigsten interessierten, mich aber immer an die Zeit erinnerten, mich fertigzumachen um mich um sieben Uhr dreißig auf den Schulweg machen zu können.

Während der Nachrichten, gab es noch ein kleines Frühstück, das normalerweise aus einer oder zwei dünnen Scheiben Mischbrot mit Butter oder Schmalz bestand und einer Tasse Trinkkakao. Dazu noch die Chartstürmer der damaligen Zeit in den Ohren.

Songs wie "Another Brick in the Wall pt. 2" von Pink Floyd, oder "Funky Town" von Lipps inc oder auch "Souper Trouper" von Abba beherrschten den Äther.

So hätte dieser Tag, nach einem verlängerten Wochenende auch diesmal beginnen können, wenn es nicht der 9. Dezember 1980 zeitig am Morgen gewesen wäre und die Nachrichten mit ihrer wichtigsten Meldung nicht eine Schockstarre in mir ausgelöst hätte.

In der vergangenen Nacht wurde John Lennon erschossen. Ich konnte es nicht glauben und musste mich auf den Schulweg machen. Vor unserem Wohnhaus traf ich mich, wie an jedem Schultag mit Erik, meinem schon seit meinem Schulstart, ständigen Begleiter auf den Schulwegen meiner ersten acht Schuljahre.

Natürlich hatten wir kein anderes Thema zu besprechen.

Uns wurde klar, dass es die Beatles nie wieder gemeinsam auf einer Bühne geben wird.

Die Ereignisse der letzten Nacht hatten das zunichte gemacht.

Ganz frisch war diese Nachricht - wurde John Lennon ja erst eine oder zwei Stunden vor meinem Weckerläuten für Tod erklärt.

Hatte ich schon drei Jahre vorher den Tod Elvis Presleys mitbekommen, war dieser für mich bei weitem nicht so schlimm als das, was Mark Chapman mit fünf Schüssen diese Nacht in mir zerstört hat. Die Beatles, meine Lieblingsmusiker damals haben keine Möglichkeit mehr jemals miteinander wieder aufzutreten. In den nächsten Wochen danach, gab es gefühltermassen nur noch John Lennon Nummern im Radio zu hören. Die Radiocharts wurden von John Lennon beherrscht und mein Leben ging weiter.

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